Forschungsarbeit für die benutzerorientierte Produktentwicklung

Das USEability LAB ist eingebunden in das IHD, ein unabhängiges, weltweit agierendes Forschungsinstitut. Im Mittelpunkt der Arbeit des Instituts steht die industrienahe, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung. In langjähriger Projektarbeit in verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben haben wir unsere Expertise im Bereich des Universal Design, der Usability und der User Experience von Produkten des täglichen Lebens stetig ausgebaut.

Schwerpunkte unserer Forschungsarbeit sind:

Wir untersuchen insbesondere die Interaktion von mehreren Benutzern untereinander, z.B. in Pflegesituationen, sowie mit Produkten und im räumlichen Zusammenhang. Dabei verwenden wir unter anderem Methoden wie Personas und Szenarien. Gemeinsam mit Partnern aus der Industrie übertragen wir unser Wissen in die Praxis, sodass daraus neue benutzerfreundliche Produkte und Räume entstehen. 

Nutzerforschung

In der Nutzerforschung wird der Benutzer von einem Produkt oder einer Umgebung hinsichtlich seiner Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten, Ziele, Motivationen und Gewohnheiten untersucht. Ziel ist es: zu verstehen, wer die Benutzer sind, wie sie denken und in welchem Kontext sie ein Produkt oder eine Umgebung nutzen.

Fragt man die Benutzer, was sie sich für ein Produkt wünschen und setzt dieses um, wird nur selten ein innovatives Produkt entstehen. Denn nicht alle Anforderungen an ein Produkt sind dem Benutzer tatsächlich bewusst und artikulierbar.

Daher ist es notwendig, den Benutzer zu verstehen und mit seiner Sicht auf ein Produkt zu schauen.

Benutzeranalysen

Nur die genaue Kenntnis der späteren Benutzer ermöglicht, benutzerfreundliche Produkte zu entwickeln. Dafür müssen die späteren Benutzergruppen analysiert werden. Einfluss auf die Interaktion mit dem Produkt und damit auf die Anforderungen an das Produkt haben die individuellen Eigenschaften, Kompetenzen, Kenntnisse, Motivationen und Ziele.

Wir arbeiten mit verschiedenen Methoden bei der Ermittlung der Anforderungen der Benutzer an das zu entwickelnde Produkt. Unter anderem führen wir durch:

  • Befragung von Benutzern
  • Experteninterview
  • kontextuelle Interviews
  • Beschreibung der Benutzergruppen mit Hilfe von Personas.

Personas

Personas sind fiktive archetypische Personen, die eine bestimmte Personengruppe mit signifikanten gemeinsamen Merkmalen und Eigenschaften repräsentieren. Sie basieren auf realen Daten von Nutzern. Die durchgehende Verwendung von Personas ermöglicht, die Anforderungen der am Prozess beteiligten Personen umfassend zu betrachten.

Maßgeblich für die Frage, welche Anforderungen an Produkte oder die gebaute Umwelt bestehen, sind die individuellen Kompetenzen der Personas und die eventuell damit verbundene Notwendigkeit zur Nutzung eines Hilfsmittels sowie ein individueller Hilfebedarf. Zum leichteren Verständnis charakteristischer Personas tragen diese einen Namen und sind bildlich dargestellt.

 

Name
  • Hannelore Kern
Alter
  • 83 Jahre
Mobilitätshilfe
  • Rollator
Bemerkungen
  • benötigt eine Mobilitätshilfe (Rollator) zur Fortbewegung
  • leichter Tremor
  • beginnende Demenz
motorische Kompetenzen
  • mäßig verminderte Kraft und Beweglichkeit in den Armen
  • leicht verminderte Kraft und Beweglichkeit in den Beinen
  • mäßig verminderte Kondition und Körperkraft
  • etwas verminderte Kraft und Beweglichkeit im Rumpf
sensorische Kompetenzen
  • mittelmäßig eingeschränktes Kontrastsehen, Farbsehen und räumliches Sehen, eingeschränktes Gesichtsfeld
  • leicht eingeschränktes Hörvermögen, Richtungshören
  • leicht eingeschränktes Tastvermögen
  • mittlere Einschränkungen bei Gleichgewicht
kognitive Kompetenzen
  • mittlere Einschränkung beim Raumverständnis
  • leicht eingeschränkte Sprachfähigkeit
  • Merkfähigkeit und Lernfähigkeit mäßig eingeschränkt
Unterstützungsbedarf
  • ist in manchen Situationen bei alltäglichen Handlungen auf Hilfe angewiesen
  • Unterstützung durch Familie und Nachbarn
  • kann sich mit Hilfe des Rollators unbegleitet im öffentlichen Raum bewegen

 

Handlungsanalysen

Anforderungen an Produkte entstehen aus der tatsächlichen Interaktion mit ihnen. Deshalb klären wir die Handlungsabfolgen detailliert auf, um logische Abfolgen erkennen und entsprechende räumliche und zeitliche Zuordnungen von Einzelfunktionen ableiten zu können. Die Handlungen und deren Abfolge werden individuell von den Eigenschaften der Benutzer beeinflusst. Deshalb  müssen die verschiedenen Benutzergruppen (Personas) getrennt betrachtet werden.

Zur Ermittlung der Nutzeranforderungen werden von uns zum Beispiel durchgeführt:

  • Beobachtungen (offen oder verdeckt),
  • kontextuelle Interviews,
  • Ableitung von Szenarien und Use Cases.

Szenarien und Use Cases

Als ein Szenario wird eine Methode verstanden, die eine systematische Auseinandersetzung mit einem Handlungsablauf ermöglicht. Die Anforderungen der Benutzer an Produkte und Räume sind abhängig vom individuellen Anwendungsfall. Deshalb muss dieser möglichst genau beschrieben werden.

Der Ablauf der Interaktion mit der Raumausstattung ist beispielsweise abhängig vom verwendeten Hilfsmittel und einem Unterstützungsbedarf durch Hilfspersonen. In einem Szenarium wird der tatsächliche Handlungsablauf betrachtet und dabei ein komplexes Netz von Einflussfaktoren berücksichtigt. So kann auf Anforderungen an die Umgebungsgestaltung geschlossen werden.

In die Erstellung und Beschreibung dieser Anwendungsfälle fließen neben den Daten und Fakten aus der Literatur, auch die Ergebnisse aus Befragungen von Experten der Pflege sowie das Expertenwissen der Autorinnen in die Benutzerbeschreibung von Personas ein. Szenarien beinhalten eine verkürzte Darstellung des Handlungsablaufes.

Der tatsächliche Nutzungsablauf ist abhängig von der individuellen Betroffenheit sowie den körperlichen Voraussetzungen einer Pflegekraft mit agierenden. Bei schwergewichtigen Betroffenen zum Beispiel, können mehrere Pflegekräfte nötig werden, welches den Nutzungsablauf vollständig verändert. Auch aus einem spezifischen baulichen Kontext können weitere oder andere Anforderungen entstehen.

 

Bewegungsanalysen

Individuelle Kompetenzen sind maßgeblich für Möglichkeiten der Interaktion mit Produkten, anderen Personen und im räumlichen Kontext. Deshalb müssen Bewegungen der Benutzer genau analysiert und ausgewertet werden.

In Experimenten in unserer eigenen Versuchsumgebungen und in der Interaktion mit Objekten, kann eine festgelegte Handlungsabfolge durch Probanden nachgestellt werden. Dabei können gezielt Situationen abgebildet werden, um unter anderem Werte und Anforderungen messtechnisch zu ermitteln (z. B. Flächenbedarf, Krafteintrag).

Zur detaillierten Ermittlung der Bewegungsabläufe werden von uns zum Beispiel durchgeführt:

  • Videoanalyse,
  • Tracking von Personen und Hilfsmitteln,
  • Ergonomietests,
  • Durchführung von Szenarien für Personas in Testumgebung.

Tracking von Personen und Hilfsmitteln

Mit Hilfe von Szenarien werden in unserer Versuchs- und Messumgebung Bewegungsflächen in Probandentest gemessen. Über ein vereinfachtes, optisches Motion- Capturing- Verfahren kann die Bewegungserfassung zum Beispiel eines benutzten Rollators erfolgen. Als Ergebnis liegen Messkurven der bei der Benutzung benötigten Bewegungsflächen vor. Die erzielten Ergebnisse werden im Anschluss auf Grundlage der Anforderungskataloge der betrachteten Benutzer bewertet. Dabei werden beispielsweise Fragen untersucht wie:

  • Ist eine sichere selbstständige Benutzung möglich?
  • Sind Bewegungskompetenzen, wie z.B. Verdrehen des Oberkörpers, Rückwärtsgehen, Drehen auf der Stelle, die nicht jeder Benutzer erbringen kann notwendig?
  • Wie hoch ist die Stolper- und Sturzgefahr durch Hindernisse, oder durch die Notwendigkeit, zwischen Abstützmöglichkeiten zu wechseln, zu bewerten?
  • Wie ist der notwendige Kraftaufwand beim Ausführen der Handlungen durch Bewohner einzuschätzen?

Als Ergebnis dieser Arbeit können zum Beispiel Planungsvorgaben für Architekten abgeleitet werden.

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